Reich der Engel

Engel spielen im Werk von Regine Nölken seit Jahren eine bedeutende Rolle.

Die Idee des Schutzengels aufgreifend, der dem Menschen als Begleiter des Lebens zur Seite gestellt ist, hat Regine Nölken in den vergangenen Jahren eine Serie von großformatigen Plastiken geschaffen - die "Schutzengel". Obwohl sie aus der erdigen Materie des Tons gebrannt sind, erscheinen die Figuren wie körperlose Wesen, muten sie an, wie die flüchtige Erscheinung eines geistigen Augenblicks. Zusammengesetzt aus einer Vielzahl einzelner Fragmente, schrauben sich diese abstrakten Figuren wie in traumwandlerischer Bewegung in die Höhe. Im Vermeiden jeglicher konkreten Figuration entfaltet sich im weißen Schein der Oberflächen die Idee einer körperlosen Skulptur.

In der Werkserie "Gabriels Flügel" steht der Flügel des Engels, wie er in der Geschichte der Kunst vorgestellt wurde, im Zentrum. In den klassischen Werken der Kunst der Jahrhunderte, in den Bildern und Fresken von Giotto, Fra Angelico, El Greco, Tizian usw. fokusssiert die Künstlerin das Erscheinen des Engels im Blick auf sein charakteristisches Zeichen - den Flügel. Die Schwingen der Imagination löst die Künstlerin aus dem figurativen Geschehen der Vorbilder und setzt sie als plastische Objekte in den Raum. Aus Ton gebrannt und in einer faszinierenden Farbigkeit, die den Originalen nachempfunden ist, bemalt.

Den Engelsflügeln aus der Vergangenheit künstlerischer Imagination setzt Regine Nölken in ihren Fotoarbeiten Bilder aus der alltäglichen Jetztzeit entgegen, den realen technoiden Flügel des Flugzeugs, jener prothetischen Maschine, mit der allein der Mensch seinen Traum zu fliegen verwirklichen kann. Aus dem Inneren des Flugzeuges hat die Künstlerin die Tragflächen der Himmelsschiffe fotografiert und dabei die in der Flughöhe unsinnig erscheinenden Zeichen und sprachlichen Anweisungen wie "Don`t walk outside this area" zwingend als gut gemeinte Hinweise für die in dieser Sphäre beheimateten Engel ausgemacht. In der Poetisierung einer alltäglichen Situation, im Blick auf ein Konstrukt technischer Intelligenz, eröffnet sich ein Reich künstlerisch gelenkter Phantasie. Wie in ihrer Selbstportraitserie "Ich in aller Welt", in der sie sich selbst mit dem immergleichen Foto in einer Wüstenlandschaft an den unterschiedlichsten Orten der Welt vorstellt, so setzen auch ihre Flugzeugfotos die Realität des Alltäglichen in einen Kontext, der allein von der Imagination dominiert wird.

Carsten Ahrens, Direktor Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen